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„In jeder Epoche muss versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.“
(Walter Benjamin)

Obwohl die Darstellung einer Geschichte der Kunstpädagogik zum Standard klassischer fachspezifischer Einführungsveranstaltungen zählt, bleibt das Wissen über die „umkämpfte“ Geschichte der Arbeit zwischen Kunst und Bildung merkwürdig eindimensional. Auch das Selbstverständnis aktueller Ansätze erscheint unserer Ansicht nach häufig ahistorisch: So betreibt die Kunstpädagogik der Gegenwart wenig Reflexion der eigenen Geschichte – das Bewusstsein über das Gewordensein ihrer Diskurse und Praxen und darüber, dass Begriffe und Konzepte in ihren historischen Kontexten zu verstehen sind und dabei immer umkämpft sind, fehlt weitgehend. Eine historisch- reflexive Beschäftigung mit gängigen Praxen an der Schnittstelle von Kunst und Bildung sowie eine kritische Auseinandersetzung mit dem bestehenden Kanon und dessen Herausforderung bzw. Erweiterung erscheint vor diesem Hintergrund uns notwendig und relevant.
Um diesem Desiderat Rechnung zu tragen, wollen wir in einem transdisziplinären Prozess darauf hinzielen zu verstehen, wie Konstruktionen „fachlicher Grundlagen“ zustande kommen, welche Kunstbegriffe dabei relevant sind und auf welche Erzählungen oder Theorien implizit Bezug genommen wird. Die Untersuchung betrifft in diesem Sinne das schulische Feld ebenso wie die Diskurse der Kunstvermittlung und der Kunst, insofern sie mit Begriffen des Bildens operieren. Eine umfassende Welle von Unternehmungen zu diesem Feld fand im deutschsprachigen Raum zuletzt in den 1970er-Jahren statt (mit Diethart Kerbs, Gert Selle, Wolfgang Kemp und weiteren mehr).
Wir finden: Es ist an der Zeit, sich des Themenbereichs von Kunst, Pädagogik und Geschichte aus einer aktuellen Perspektive wiederanzunehmen und diesen blinden Flecken im Selbstverständnis des Faches entgegenzuwirken.

Im Kontext kunstpädagogischer Hochschullehre sind viele von uns mit der Vermittlung fachgeschichtlicher Inhalte konfrontiert. Wenn wir nun versuchen, diese Aufgabe im Kontext der Lehrangebote im deutschsprachigen Raum zu verorten, zeigt sich, dass diese zunächst und zumeist einen relativ starren und wenig reflektierten Kanon reproduzieren. Methodisch stellt sich uns vor diesem Hintergrund die Frage, wie wir in diesen Kanon intervenieren bzw. wie wir ihn im Unterricht reflektieren, herausfordern, hinterfragen und verändern können. Doch während wir an den blinden Flecken des fachhistorischen Kanons arbeiten, stellen wir fest, dass dies, wie jeder Versuch, tote Winkel bzw. blinde Flecken in den Blick zu bekommen, eine paradoxe Aufgabe ist – werden dabei doch immer neue Kanonisierungen vorgenommen und tote Winkel produziert. Um uns diesen Widersprüchen zu stellen, möchten wir von einem aktiven und reflexiven Lernbegriff ausgehen (der Lehrende ebenso wie Lernende betrifft): Wir fragen uns also, wie wir lernen können, Geschichte nicht einfach zu reproduzieren und nachzuerzählen. – Also: Narrative nicht nur zu rekonstruieren, sondern auch zu dekonstruieren und eigene zu entwickeln.

Als Kunstpädagog_innen mit und ohne Spezialisierung auf die Fachgeschichte teilen wir ein Interesse daran, nachzudenken, wie wir mit und zu historischen Themen und Materialien so arbeiten können, dass Geschichtsschreibung als nicht abschließbare Konstruktion sichtbar bleibt. Gerade wenn wir die Geschichte in ihrer Relevanz für die Gegenwart und Zukunft des Faches ernst nehmen, müsste es um eine permanente Neubefragung und Aktualisierung gehen, darum, immer wieder zu lesen und immer wieder anders zu lesen.

Die AG Kunst Pädagogik Geschichte sind derzeit:

Gila Kolb, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Kunstwissenschaft und Kunstpädagogik der Universität Bremen, Mitherausgeberin von What’s Next? Art Education.

Sidonie Engels, wiss. Mitarbeiterin im Fach Kunst, Bergische Universität Wuppertal, fachhistorische Dissertationsschrift zur „Kunstbetrachtung in der Schule“.

Jan Grünwald, Referendar in Hessen, seine Arbeitsschwerpunkte sind Bildkulturen, Räume, kritische Kunstvermittlung, Gender Studies, Männlichkeitsbilder, geschlechtsspezifische Widerstandsstrategien und Web 2.0., Autor von Male Spaces – Bildinszenierungen archaischer Männlicheiten im Black Metal.

Barbara Mahlknecht, Universitätsassistentin am Institut für Künstlerisches Lehramt der Akademie der bildenden Künste Wien, Kuratorin, Kunstvermittlerin
Anna Pritz, Ass.-Prof. am Institut für Künstlerisches Lehramt der Akademie der bildenden Künste Wien.

Anna Schürch, Dozentin am MA Art Education und am Institute for Art Education, Zürcher Hochschule der Künste, Dissertationsprojekt zur Geschichte des Kunstunterrichts in der Schweiz seit 1970.

Bernadett Settele, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Luzern Design + Kunst; sowie Dozentin am MA Art Education der Zürcher Hochschule der Künste.

Nora Sternfeld, Professorin für Curating and Mediating Art, Aalto University, Helsinki und Teil von Büro trafo.K für Kunst, Vermittlung und kritische Wissensproduktion.

 

Blogwork: Wolfgang Jung 

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