Workshop Geschichte (nicht) weitererzählen lernen. Part I: Wie geht das?

Sidonie Engels, Jan Grünwald, Gila Kolb, Barbara Mahlknecht, Anna Pritz, Anna Schürch, Bernadett Settele und Nora Sternfeld: 
Revisionen der Kunstpädagogikgeschichte.

„In jeder Epoche muss versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.“ (Walter Benjamin)

Workshop auf dem BuKo15: Setting

Workshop auf dem BuKo15: Setting

Obwohl die Darstellung einer Geschichte der Kunstpädagogik zum Standard klassischer fachspezifischer Einführungsveranstaltungen zählt, bleibt das Wissen über die Geschichte der Arbeit zwischen Kunst und Bildung merkwürdig eindimensional. Auch das Selbstverständnis aktueller Ansätze erscheint häufig ahistorisch: So betreibt die Kunstpädagogik der Gegenwart wenig Reflexion der eigenen Historie. Das Bewusstsein über das Gewordensein ihrer Diskurse und Praxen und darüber, dass Begriffe und Konzepte in ihren historischen Kontexten zu verstehen sind und dabei immer „umkämpft“ sind, fehlt weitgehend. Eine historisch-reflexive Beschäftigung mit gängigen Praxen an der Schnittstelle von Kunst und Bildung sowie eine kritische Auseinandersetzung mit dem bestehenden Kanon und dessen Herausforderung bzw. Erweiterung erscheinen vor diesem Hintergrund notwendig und relevant.

Um diesem Desiderat Rechnung zu tragen, will die AG Kunst Pädagogik Geschichte in einem transdisziplinären Prozess darauf hinzielen zu verstehen, wie Konstruktionen „fachlicher Grundlagen“ zustande kommen, welche Kunstbegriffe dabei relevant sind und auf welche Erzählungen oder Theorien implizit Bezug genommen wird. Die Untersuchung betrifft in diesem Sinne das schulische Feld ebenso wie die Diskurse der Kunstvermittlung und der Kunst, insofern sie mit Begriffen des Bildens operieren.

Größere Anstrengungen zu diesem Feld fanden im deutschsprachigen Raum zuletzt in den 1970er-Jahren statt. Wir finden es an der Zeit, sich des Themenbereichs von Kunst, Pädagogik und Geschichte aus einer aktuellen Perspektive wieder anzunehmen und diesen „blinden Flecken“ im Selbstverständnis des Faches entgegenzuwirken.

Die AG Kunst Pädagogik Geschichte stellt sich vor

Die AG Kunst Pädagogik Geschichte stellt sich vor

Auf dem BuKo 15 hat die AG „Kunst Pädagogik Geschichte“ interessierte KollegInnen eingeladen, über Revisionen der Kunstpädagogikgeschichte nachzudenken. Die AG wurde auf dem BuKo 12 in Dresden von Jan Grünwald, Gila Kolb, Bernadett Settele und Nora Sternfeld in kritischer Auseinandersetzung mit den Dresdner Vorträgen zum Thema „Herkunft“ gegründet; Sidonie Engels, Barbara Mahlknecht, Anna Pritz und Anna Schürch haben sich der AG im Hinblick auf den BuKo 15 angeschlossen. Gemeinsam ist den Mitgliedern der AG, dass sie in die Ausbildung zukünftiger KunstlehrerInnen involviert sind und sich für die historische Dimension des Fachs im Rahmen von Forschung und/oder Lehre interessieren. Sie betrachten Fachgeschichtsschreibung aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln, wodurch eine spannungsreiche polyperspektivische Annäherung an die gemeinsame Fragestellung entsteht: Welche und wessen Geschichte wird wie für wen und warum erzählt?
Von der Geschichte des Faches Kunstpädagogik ist zumeist die Rede, um dieses zu legitimieren, um seine Herkunft zu erklären, um es in eine Tradition zu setzen. Bewusst zu machen, dass dabei Geschichte gemacht wird, indem betont, ausgelassen oder vereindeutigt wird, ist gerade in einem Fach besonders wichtig, das froh ist, die historische Dimension an einige wenige delegieren zu können. Denn die Geschichtsbilder sind wirkmächtig für das fachliche Selbstverständnis, bestimmen unser Denken und Handeln und bedürfen gerade darum der ständigen Revision. Es muss um eine permanente Neubefragung und Aktualisierung der Geschichte gehen, darum, immer wieder und immer wieder anders zu lesen. Arbeit an der Fachgeschichte meint somit etwas anderes als eine schlüssige Erzählung über das Fach: eine kritische Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen unseres fachlichen Denkens.

„Unheimliche Materialien“. Lecture Performance von Studierenden der Akademie der Bildenden Künste Wien

„Unheimliche Materialien“. Lecture Performance von Studierenden der Akademie der Bildenden Künste Wien

Auf dem BuKo 15 haben die Mitglieder der AG ihre jeweiligen Perspektiven vorgestellt: „In der Vorbereitung für eine Lehrveranstaltung im WS 2014/2015 im Archiv der Akademie der bildenden Künste Wien stießen wir auf einen bislang kaum bekannten Gründungsmoment des Instituts für das künstlerische Lehramt Wien. Es wurde als ‚Meisterschule für Kunsterziehung’ im Jahr 1941 unter dem Rektorat von Alexander Popp, illegales NSDAP-Mitglied seit 1935, gegründet. Dieser für uns überraschende Fund veranlasste uns, in der Lehrveranstaltung zur Institutionalisierung der Kunsterziehung an der Akademie gemeinsam mit den Studierenden zu arbeiten. Die Studierenden forschten selbständig im Archiv der Akademie, aber auch in Nachlässen und Bibliotheken unter anderem zu den Implikationen nationalsozialistischer Ideologie für das Selbstverständnis des Fachs Kunsterziehung und zur Stellung von Frauen an der Akademie im Zeitraum von 1938 bis in die frühen 1950er-Jahre.

Booklet „Unheimliche Materialien“. Studierendenarbeit im Rahmen der Erforschung des Archivs der Akademie der Bildenden Künste Wien

Booklet „Unheimliche Materialien“. Studierendenarbeit im Rahmen der Erforschung des Archivs der Akademie der Bildenden Künste Wien

Maren Blume, Maria Ettel, Nora Hofbauer, Fabio Otti, Hajrudin Diman, Michael Lueger, Veronica Schramek, Paul Türk, Eva Eisner, Lisa Großkopf, Julia Moschen, Lisa Stumbauer, Caroline Fertl, Theresa Kohler, Martina Kogler, Donata Kuess, Letafat Tavakoli, Birgit Knoechl, Anja Kohlweiss, Viktoria Mayer, Raffaela Mayerhofer und Elisabeth Pfalzer präsentierten die Ergebnisse dieser ‚Forschung’ auf dem Bundeskongress für Kunstpädagogik 2015 – als Booklet, Audioinstallation, Blog und Performance Lecture.
Zentral für das Projekt erscheinen uns zwei Punkte. Erstens, dass der Prozess des Forschens nicht linear, gleichmäßig und symmetrisch war, sondern Debatte und Verhandlung zwischen allen TeilnehmerInnen erforderte. Darüber hinaus spielte eine spezifische Form des Eingebettet-Seins der Forschenden im Sinne des Involviert-Seins in einen spezifischen institutionellen Kontext, in eine bestimmte Geschichte, in künstlerische, kuratorische und kunstpädagogische Praxen von Lehre und Lernen eine zentrale Rolle. Denn schließlich wurde nicht Kunstpädagogik allgemein untersucht, sondern es wurden die Konstellationen und Implikationen der Gründung des Instituts für Kunsterziehung befragt, an dem alle TeilnehmerInnen – sowohl die Lehrenden als auch die Studierenden – aktuell und zugleich institutionell verortet sind.

„Unheimliche Materialien“. Lecture Performance von Studierenden der Akademie der Bildenden Künste Wien

„Unheimliche Materialien“. Lecture Performance von Studierenden der Akademie der Bildenden Künste Wien

Darüber hinaus spielte für eine Re-Lektüre und Aneignung von Geschichte das Format der Lecture Performance eine besondere Rolle: Sie bestand aus Zitaten von Dokumenten aus dem Archiv sowie aus Korrespondenzen und Protokollen, die während des Rechercheprozesses entstanden waren. Das Skript wurde gemeinsam zusammengestellt und geprobt. Mit Blick auf das Archiv und seine Dokumente lässt sich sagen, dass durch die performative Aneignung des Archivs und der in ihm eingelagerten Narrativen eine Art Enteignung und Wiederaneignung von Geschichte durch die Studierenden kollaborativ und kollektiv erprobt wurde.“ (Barbara Mahlknecht und Anna Pritz)

„Fachentwicklung ist etwas, was sich langsam vollzieht. Trotz sichtbarem Wandel – z.B. dem Wichtigerwerden neuer Medien – ist die Konstanz dessen, was als gültige Fachinhalte erachtet wird, hoch: Darüber, seit wann und unter welchen Bedingungen etwas zur ‚Tradition’ geworden ist, wissen wir wenig. Die Gleichzeitigkeit von historisch unterschiedlich gelagerten konzeptuellen wie auch inhaltlichen Aspekten unseres Ausbildungscurriculums war mir z.B. im Studium überhaupt nicht bewusst: Es gab keine Spannungen zwischen Naturstudium, modernistischem Abstraktionsgebot und Visueller Kommunikation. Eine fachgeschichtliche Auseinandersetzung gerade mit dem lokal Gegebenen und Gültigen wirkt einer derart homogenisierenden wie ahistorischen Sichtweise entgegen. Sie ist für eine Ausbildung unabdingbar und sie ist ebenso notwendige Voraussetzung für eine kritische Positionierung zu dem, was als ‚aktuell’ erachtet wird, wie auch für die Weiterentwicklung des Faches.“ (Anna Schürch)

Vortrag Sidonie Engels: Kunstbetrachtung in der Schule. Foto: Sara Burkhardt

Vortrag Sidonie Engels: Kunstbetrachtung in der Schule. Foto: Sara Burkhardt

„Meine Perspektive findet ihren Ausgang in der Feststellung, dass der aktuelle kunstdidaktische Fachdiskurs geprägt ist von gegenseitigem Un- und Missverständnis. Wie ich gezeigt habe, kann ein kritischer Blick auf die Fachgeschichte helfen, die Gründe hierfür zu ermitteln und einen Ausstieg aus den Legitimationsschleifen zu finden, welche die Diskussion seit Jahren bestimmen und aus denen die oft benannten Spannungen zwischen ‚Theorie’ und ‚Praxis’ – dem akademischen Diskurs und der Realität in der Schule – resultieren. Mit meiner systematischen Quellenstudie zur Theoriebildung in der Kunstpädagogik (Engels 2015), der ein ausführlicher Bericht zum Stand der historischen Forschung vorangestellt ist, habe ich mir einen Zeitraum vorgenommen, der in der Betrachtung der Fachgeschichte bislang wenig Beachtung gefunden hat: die 1950er- und 1960er-Jahre. In dieser Zeit sind im bundesrepublikanischen Deutschland maßgebliche Weichen im Umgang mit theoretischen Grundlagen für den Kunstunterricht gestellt worden, die bis heute wirksam sind. So ist beispielsweise in der ersten ausdifferenzierten Kunstdidaktik von 1953 – also lange vor Gunter Otto, der in den geläufigen Darstellungen als Begründer der modernen Kunstdidaktik gilt – die enge Verzahnung von gestalterischem Tun und Werkbetrachtung zu finden, welche heute unter den Schlagworten ‚Produktion’, ‚Rezeption’, ‚Reflexion’ gefasst wird. Diese Verbindung wird heute kaum in Frage gestellt, zieht aber viele diskursrelevante Missverständnisse nach sich (vgl. Busse 2014). Auch erweist es sich als lohnenswert, die unterschiedlichen Orte der Lehrerbildung und deren institutionelle Prägungen genauer in den Blick zu nehmen, um die Verschiedenartigkeit der fachgeschichtlichen Pfade zu erklären, aus denen die heutigen Positionen der Kunstdidaktik entwachsen sind.“ (Sidonie Engels)

Workshop Geschichte (nicht) weiter erzählen lernen.

Workshop Geschichte (nicht) weiter erzählen lernen.

„In Frankfurt/M. akademisch ausgebildet, kam ich nicht um Geschichtliches wie Hilmar Hoffmanns ‚Kultur für alle’-Paradigma oder die Kritik am Kulturpessimismus der Kritischen Theorie herum, wie sie in den 1960er- und 70er-Jahren verhandelt wurden. Heute ist es in meiner eigenen Forschung mehr die queerfeministische Frage nach Subjekten und Situationen und ihren Bedingtheiten, die sich mir bei der Entwicklung einer kritischen Fachperspektive stellt.
Wenn ich über Fachgeschichte nachdenke, liegt es mir heute nahe, an angebrochene Themen, abgebrochene Anfänge und angefangene Diskussionen zu denken, in denen Kunstpädagogik, Kulturelle und Politische Bildung sich einander, der Theorie und der Kunst zuwandten. Mich interessiert dies gerade in Hinblick auf die Subjekte und Situationen, die durch diese Debatten und Praxen mitproduziert wurden. Dann müssten soziale Kämpfe und widerständige Lesarten der Geschichte unser Interesse wecken; auch Zeiten und Orte, an denen minoritäre oder nicht-anerkannte Praxen, Diskurse und Lesarten auftraten, an denen der Umgang mit Kunst und die Wissensproduktion anders angegangen wurden. Und andererseits gilt es, eine kritische Fachgeschichte (weiter) zu etablieren, die sich mit heiklen Punkten der Geschichte befasst, und anders als so, dass sie die Vergangenheit zu umgehen und zu glätten sucht.
Wie genau für Studierende der Bogen von der (gutgemeinten) Lehrveranstaltung zur eigenen Haltung zu schlagen ist, kann ich nur ahnen. Für mich roch es damals, als Studierende an der Goethe-Uni, wenn Fachgeschichtliches verhandelt wurde, zu oft nach Mief und Muff und Selbstlegitimierung. Mein Widerwille gegen die Erzählung vom Fach war nicht ungerechtfertigt – da wurden durchaus historische Positionen verkürzt wiedergegeben und als ‚Basics’ oder legitimiertes Wissen hingestellt, statt uns die Gelegenheit zu geben, selbst zu forschen und zu diskutieren. Was, wenn mensch die Codes versteht, aber sie eine/n nicht interessieren? Auch die Formen der Lehre sind meiner Ansicht nach zu hinterfragen und umzuwandeln, um angehenden KunstpädagogInnen die Möglichkeit zu geben, Fachgeschichte weiterzuentwickeln und sie sich selbst nach eigenen Schwerpunkten zu erschließen. Studentischer Widerwille gegen die Verlesung von historischen Wahrheiten mag widerständig sein, er allein verändert nichts.“ (Bernadett Settele)

„Wenn ich zu aktueller Kunstpädagogik wie beispielsweise in ‚What’s Next’ arbeite, stellt sich für mich genauso dringend die Frage, wie das ‚Nächste’ die Herkunft des eigenen Faches versteht. (Auch des gedachten Radikanten …) Ich glaube, dass die Frage, wessen Geschichte(n) erzählt werden, mehr ‚next’ ist, als man es vermuten würde.
Also: Wessen Geschichte der Kunstpädagogik wird erzählt? Welche Geschichte wird nicht erzählt, ist aus dem Fokus geraten und warum? – und was bedeutet das für das Selbstverständnis eines Faches, das inhaltlich und methodisch an verschiedene Bezugswissenschaften und -felder (Kunstwissenschaft, Kunst, Pädagogik, Geschichte, empirische Sozialwissenschaften …) angeschlossen ist, bzw. sich daraus nährt?“ (Gila Kolb)

Diskussion im Workshop, BuKo15

Diskussion im Workshop, BuKo15. Foto: Iris Greiffenhagen

Im Anschluss an die Statements moderierten Jan Grünwald und Nora Sternfeld eine Diskussion, die sichtlich von starkem Interesse am Thema getragen war. In der Diskussion wurde unter anderem die Frage aufgeworfen, wie sich blinde Flecken überhaupt adressieren lassen – denn wenn es darum gehen soll, diese mitten im Kanon anzusprechen, dann besteht immer auch die Gefahr, sie zu vereinnahmen. Im Zuge der Debatte zeigte sich auch, dass es wichtig gewesen wäre, mehr Zeit für eine Auseinandersetzung mit der Arbeit der Studierenden einzuräumen, die einen über konkrete Fachgeschichte hinausreichenden Resonanzraum zu methodischen und inhaltlichen Fragen aktueller Geschichtsarbeit eröffnet hatte. Insgesamt wurde dabei jedenfalls deutlich, dass gerade an der Schnittstelle von Kunst, Pädagogik und Geschichte ein großes Potenzial für die Vermittlungspraxis liegt, das weit über den Rahmen der Fachgeschichte hinausweist: von der Erinnerungskultur bis hin zu künstlerischen geschichtspolitischen Interventionen und deren Vermittlung.

Blog: https://andenherrnrektorderwienerakademiederkuenste.wordpress.com

Literatur:
Lisa Bolyos, Katharina Morawek (Hg.): Diktatorpuppe zerstört, Schaden gering: Kunst und Geschichtspolitik im Postnazismus, Wien 2013
Klaus-Peter Busse: Kunst unterrichten. Die Vermittlung von Kunstgeschichte und künstlerischem Arbeiten, Oberhausen 2014
Sidonie Engels: Kunstbetrachtung in der Schule. Theoretische Grundlagen im „Handbuch der Kunst- und Werkerziehung“ (1953-1979), Bielefeld 2015
Michel Foucault: Historisches Wissen der Kämpfe und Macht Vorlesung vom 7. Januar 1976, in: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin 1978, S. 55–74
Stefano Harney, Fred Moten: The Undercommons. Fugitive Planning & Black Study, Wivenhoe/New York/Port Watson 2013
Michael Hardt, Antonio Negri: Demokratie! Wofür wir kämpfen, Frankfurt/M. 2013

Weitere Quellen:
http://www.plattform-geschichtspolitik.org/html/weinheber-ausgehoben.php
http://www.igbildendekunst.at/bildpunkt/2011/smrt-postnazismus.htm
http://socialtextjournal.org/periscope_topic/educational_outliers/
http://centerforthehumanities.org/seminars/extra-institutional-education

 

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